Stolpersteine


"Sie sind neu hier? Dann fegen Sie mal als erstes den Hof!"
"Na hören Sie mal, ich habe studiert!!!"
"Ach so, dann zeig' ich's Ihnen..."

Habt Ihr in letzter Zeit mal jemandem erzählt, Ihr studiert Vermessung? Ich schon, und die Reaktion war jedesmal dieselbe: "Was kann man denn da studieren?" Interessante Frage eigentlich! Schließlich kennt der Durchschnittsbürger Vermesser nur als "die Leute, die mit diesen rot-weißen Stangen rumlaufen oder im Bulli sitzen und Kaffee trinken". (Originalzitat!) Meine Antwort ist dann meist: "Och, wir haben Mathe, Physik, Recht, VWL, Informatik, Geologie, und manchmal vermessen wir sogar!" Das mag ein wenig übertrieben klingen, ist aber meist das erste, was mir einfällt. - Nur wieso???

Es heißt immer, wir Deutschen studieren zu lange, und die durchschnittliche Semesterzahl, die unsere Absolventen auf dem Buckel haben, spricht nun auch nicht gerade für unsere Fachrichtung. Wenn ich bedenke, daß das Land Niedersachsen pro Student und Jahr ca. 30000 Mark für die Lehre ausgibt, dann frage ich mich, wo dieses Geld eigentlich bleibt und ob man es nicht sinnvoller ausgeben könnte.
Wäre es nicht viel sinniger, ich könnte schon nach drei Jahren des Studierens meinen ersten Job antreten, bekäme richtiges Geld anstelle der Almosen vom Bafögamt und würde helfen, die Rente meiner Eltern zu sichern, anstatt ihnen mit Ende zwanzig immer noch auf der Tasche zu liegen? Mit Realschulabschluß und einer anständigen Ausbildung hat man solche Sorgen wohl kaum, aber ich Knallkopp mußte ja Abitur machen (was sich dank Mendelscher Gesetze, Aristotelischem Theater und Salvador Dalí auch mindestens ein Jahr länger hinzog als nötig...), nur um festzustellen, daß mir deswegen auch niemand Jobs hinterherschmeißt und daß es nicht mal anspruchsvolle Berufe gibt, für die man nicht studieren müßte. Also gut, dachte ich mir, dann studier' doch! Und was habe ich jetzt davon? Ich tue genau das, was kürzlich sogar unser Bundespräsident feststellte:
Ich verblöde.

Werfen wir doch mal einen Blick auf unsere Vorlesungen: Hier wird beispielsweise in allen Einzelheiten erzählt, warum und wie GPS-Satelliten die Erde umkreisen, doch vermisse ich immer noch präzise Angaben über die Position des "An"-Knopfes am GPS-Empfänger. An anderer Stelle lerne ich Unmengen über Karten und deren Gestaltungsmerkmale, werde aber mit manchen älteren Karten gar nichts anfangen können, weil mir niemand beigebracht hat, wie man altdeutsche Schrift liest. Und schließlich: Was nützt mir das Wissen über den Aufbau eines Tachymeters, solange ich nicht mal den Unterschied zwischen Zerlegung und Teilung kenne?
Ich denke, der Knackpunkt ist längst nicht allein in unseren Reihen zu suchen. Da haben wir zum Beispiel VWL: Um die Klausur zu bestehen, muß man im Prinzip ein 150seitiges Buch auswendig lernen, da diese Volkswirtschaftler sich für den Nabel der Welt halten und anscheinend glauben, wir hätten sonst auch nichts zu tun. Der Haken an der Geschichte: Obwohl diese Disziplin für uns ein absolutes Randgebiet ist, gehört die Klausur aus unerfindlichen Gründen zum Vordiplom. Wenn ich sie also zweimal nicht bestehe, verlängert sich mein Studium abermals um mindestens ein Semester (wieder 5000 Mark, die der Rentenkasse durch die Lappen gehen!), falle ich dreimal durch, darf ich nach Hause gehen, auch wenn ich noch so viel Ahnung von Vermessung habe. Selbiges gilt für Physik: Wer mir den Zusammenhang zwischen Vermessung und Quantentheorie klarmacht, bekommt von mir ein Eis! Auch halte ich es für einen Trugschluß, daß Informatik uns im späteren Leben weiterbringen wird - "Nein, mit DEM Programm habe ich noch nie gearbeitet, aber ich kann Ihnen ja ein neues programmieren!" - Na danke...
Natürlich ist längst nicht alles Käse, was man uns da beibringt, aber in vielen Fällen habe ich schon Schwierigkeiten mit der äußeren Form: Da gibt es Dozenten, die haben entweder einen Plan, nach dem sie vorgehen können, oder sie haben ein Skript, so daß man selbst vorgehen kann. Es gibt sogar ein paar wenige, die haben beides. Wenn man dann noch ihre Schrift lesen kann, dann macht studieren so richtig Spaß! Die Regel sieht aber ganz anders aus: Da stehen Leute und legen eineinhalb Stunden lang Folien auf den Projektor, lesen selbige wortwörtlich vor und verweisen zur Not auf das Buch, das sie mal geschrieben haben. ("Gibt's aber nur noch auf englisch!" ist übrigens eine gern benutzte Phrase.) Ansonsten kommt nichts. Da hat man dann die Wahl: a) Ich bleibe zuhause und lese irgendwie das Buch; b) Ich setze mich da hin und versuche mitzuschreiben. Möglichkeit b) setzt aber langjährige Erfahrungen in Stenographie voraus, und selbst wenn man die vier Folien pro Minute schaffen sollte, so hat man am Ende doch nichts anderes als die exakte Kopie des Buches...
Es will mir nicht recht in den Kopf, daß solches möglich ist, denn die Herrschaften, die da vorn stehen und dozieren, müßten doch eigentlich selbst mal Studenten gewesen sein! Warum also gibt es so entsetzlich wenige Fälle, in denen man so etwas wie persönliches Engagement im Sinne der Studenten erkennen kann? Wie gut unsere Ausbildung ist, zeigt sich doch spätestens, wenn wir alle in Lohn und Brot stehen, und es kann einfach nicht die Absicht eines Dozenten sein, Fach- oder gar Vollidioten ins Berufsleben zu entlassen! So kann ich mir auch nicht erklären, warum sich ein frischgebackener Dr.-Ing. mit einer Klausur verabschiedet, bei der 35 von 77 Probanden durchfallen! Doch ist leider genau das die bittere Realität.

Für das, was wir da später hoffentlich mal tun, werden wir wahrscheinlich eine ganze Menge Geld bekommen, doch fürchte ich mich vor dem Tag, an dem ich mich von einem Meßgehilfen vorführen lassen muß, der die doppelte Ahnung bei halbem Gehalt hat. Ihm werde ich keine Vorwürfe machen können, wenn er mich auflaufen läßt; es wird immer darauf zurückfallen, wo ich herkomme, und ich werde ihm wohl kaum erzählen können: "Kann ja sein, daß SIE wissen, wie 'rum man einen TP in die Erde flanscht, dafür weiß ich aber, was ein neoklassisches Makromodell ist. Bääätschmann!"
Wer jetzt daherkommt und meint, ich sollte mich mit meinem Streben nach praxisbezogenem Wissen an eine Fachhochschule begeben, den möchte ich gern fragen, wo er später zu arbeiten gedenkt! Ich habe während meiner Ausbildung zwei Leute erleben dürfen, die auch hier studiert haben, und das waren die am meisten belächelten Mitarbeiter des gesamten Betriebes, da sie von allem eine Ahnung hatten: Der eine teilte sich selbst für den Außendienst ein und notierte Tachymeterdaten von Hand, da er mit dem Interface nicht zurechtkam, der andere war sich zu fein, seinen Papierstau aus dem Kopierer zu zupfen. Wenn studieren bedeutet, daß ich mal so ende, dann bin ich hier vielleicht doch verkehrt?!?