Mit diesem Satz forderte im alten Rom Marcus Porcius Cato im Anschluß an jede seiner Reden im Senat die Zerstörung Karthagos, das er als Gefahr für das Römische Reich ansah. In Anlehnung an diesen Ausspruch erlaube ich mir, am Fuße meiner Seiten die neue Rechtschreibung anzufeinden und deren "Zerstörung" zu fordern.
Über die im Sommer 1996 beschlossene und seit kurzem in der Öffentlichkeit präsente veränderte Schreibweise mag man denken, wie man will, einige Fakten sind nicht von der Hand zu weisen:
Die Rechtschreibreform wurde aus einem Sommerloch geboren. In einer Zeit,
in der deutsche Politiker mit der Bekämpfung einer nie dagewesenen
Massenarbeitslosigkeit hätten beschäftigt sein sollen, kam von
irgendwoher die Idee auf, aus Jux und Dollerei an unserer in Jahrhunderten
gewachsenen Schriftsprache herumzuwerkeln.
Diese Idee ist und war niemals auch nur das Papier wert, auf dem sie verfaßt
wurde. Dennoch wurde sie für würdig befunden, sie einer langwierigen
und äußerst teuren Prüfung zu unterziehen, um geraume Zeit
später den deutschsprachigen Bewohnern dieses Kontinents eine Rechtschreibung
aufzuoktroyieren, die niemand wirklich wollte.
Die Rechtschreibreform kostet Geld. Heutige Schätzungen gehen von
Kosten in Höhe von ca. 30 Milliarden Mark aus, die durch die Einführung
der neuen Schreibweisen entstehen. Hierbei ist allerdings noch nicht bedacht,
daß der volkswirtschaftliche Schaden wesentlich höher ist. Denn
wenn sich allein jeder deutsche Arbeitnehmer, der bei seiner Arbeit die
neuen Regeln anzuwenden hat, damit beschäftigen muß und dafür
ungefähr zwanzig Stunden benötigt, verschwindet hierdurch noch
einmal diese Summe als Gehalt ohne dafür erbrachte Arbeitsleistung.
P.S.: 30 Milliarden Mark entspricht exakt der Summe, die Hans Eichel derzeit
zusammenzukratzen versucht...
Die Rechtschreibreform stiftet Zwietracht. Die unterschiedliche Handhabung
in den verschiedenen Bundesländern rief zahlreiche Instanzen auf den
Plan, die sich krampfhaft um eine Einigung bemühen mußten. Die
Entscheidung eines Volksentscheids, der in Schleswig-Holstein die Einführung
der neuen Regeln an den Schulen zunächst verhinderte, wurde nachträglich
aufgehoben, so daß auch dort gegen den erklärten Willen des Volkes
der Neuschrieb durchgedrückt wurde.
Die Nation ist seit der Einführung der neuen Regeln in drei Parteien
gespalten; die Befürworter der Reform, von denen die meisten wahrscheinlich
gar nicht überblicken, welche Regeln überhaupt geändert wurden;
dann die Indifferenten, die sich nicht dafür interessieren und leider
die große Mehrheit darstellen; schließlich die Gegner, die vehement
versuchen, der Verunstaltung der deutschen Sprache Einhalt zu gebieten und
damit wahrscheinlich auf verlorenem Posten kämpfen, da seit August
dieses Jahres nun auch die Presse ohne erkennbaren Widerwillen den Neuschrieb
verwendet.
Die neuen Regeln sind inkonsequent. Ich beschränke mich auf ein Beispiel,
das im Duden in der Gegenüberstellung alter und neuer Schreibweisen
auf der Seite AN9 zu finden ist. Dort steht:
| alt | neu |
| kleinschneiden | klein schneiden |
| klein schreiben | kleinschreiben |
Dieses Beispiel möchte ich unkommentiert lassen.
Schlimmer noch: Wörter wie "Löß", die lang oder
kurz ausgesprochen werden können, erhalten künftig zwei Schreibweisen
- "Löß" bei langer, "Löss" bei kurzer
Aussprache.
Die neue Rechtschreibung pfeift auf fremde Sprachen. Die deutsche Sprache lebt von einer Vielzahl von Einflüssen aus den unterschiedlichsten Sprachen dieser Erde. Die Höflichkeit würde es gebieten, die entsprechenden Begriffe so zu belassen, wie sie aus anderen Sprachen übernommen wurden. Die neuen Schreibweisen scheren sich jedoch wenig um die Herkunft dieser Wörter und Begriffe. So wird aus dem Portemonnaie französischen Ursprungs ein eingedeutschtes "Portmonee", italienische Spaghetti werden ihres "h"s beraubt, und kein einziger Film wird künftig mehr ein Happy-End haben, sondern höchstens ein "Happyend".
Die neue Rechtschreibung wird ihrer Prämisse nicht gerecht, die Schreibung zu vereinfachen. Weder Zusammen- und Getrenntschreibung (siehe oben) noch Groß- und Kleinschreibung (Erste Hilfe -> erste Hilfe; der rote Planet -> der Rote Planet) werden vereinheitlicht, zu vielen fremdsprachigen Ausdrücken ist künftig ihre eingedeutschte Fassung dazuzulernen, und zu vielen Schreibweisen kommen unnötige kann-Regeln hinzu (z. B. Potential und "Potenzial"). Dies sind nur einige Beispiele für die neu auftauchenden Komplikationen. Zudem wird die neue Rechtschreibung ebensowenig der Forderung nach Internationalisierung gerecht; die Eigenheiten unserer Sprache - Umlaute und ß - werden nicht konsequent abgeschafft (wozu auch?), die Regeln für die Verwendung insbesondere des ß werden jedoch komplizierter, und Umlaute tauchen vermehrt auf, wo Fremdwörter ein deutsches Gewand bekommen (z. B. "Maläse" statt Malaise).
Die neue Rechtschreibung ist häßlich. Das Auge stört sich
beim Lesen an den veränderten Schreibweisen und bleibt an ungewohnten
Dingen einfach hängen, was den Lesefluß erheblich stört
und demgemäß verlangsamt. Ich möchte hier nicht näher
darauf eingehen, daß die Buchstabenkombination "ss" nunmehr
in erschreckend vielen Wörtern zu finden ist.
Hinzu kommt, daß viele neue Regeln in der Lage sind, die Bedeutung
eines Satzes erheblich zu stören. Hier sei folgendes Beispiel zitiert:
Ich sah ihn die Gurke klein schneiden. (Siehe oben) Dieser Satz legt
beim Leser den Verdacht nahe, der Schneidende sei vor Beginn seiner Arbeit
geschrumpft. Doch keine Sorge, auch folgender Satz entspricht den neuen
Regeln: Bei uns wird Teamarbeit groß geschrieben. Der Gurkenzwerg
muß also bloß ein bestimmtes Wort schreiben und wächst
spontan wieder zur alten Größe heran.
Sprache verändert sich. Sie lebt von den Menschen, die sie benutzen und
sie dadurch formen. Sprache nimmt Einflüsse aus anderen Sprachen und Kulturen
auf, gewinnt neue Ausdrucks- und Schreibweisen durch soziokulturelle Veränderungen
und verliert auf demselben Weg andere, die nicht mehr gebraucht werden.
Die Einführung der neuen Rechtschreibung hat damit gebrochen und brachte
dem deutschen Sprachraum Schreibweisen, die der natürlichen Entwicklung
unserer Sprache zuwiderlaufen. Wir als Bürger, die wir unsere Sprache benutzen
müssen, stehen nun vor der Entscheidung, ob wir die neuen Schreibweisen
gleichsam gottgegeben hinnehmen oder uns dagegen sträuben und weiterhin
die in langer Zeit gewachsene alte Rechtschreibung weiterbenutzen.
Ich selbst übe Protest gegen die neue Rechtschreibung, indem ich an jede meiner Internetseiten, an jede meiner E-Mails und an jeden Brief das abgewandelte Cato-Zitat anhänge. Ich habe an dem Volksbegehren "Wir gegen die Rechtschreibreform" teilgenommen, das leider nicht zum Erfolg führte. Und schließlich tue ich, was die Mehrzahl aller deutschsprachigen Europäer tut, sei es bewußt oder unbewußt:
Ich schreibe einfach weiter, wie ich schon immer geschrieben habe.