Helstorf? Wo is'n Helstorf?


Vier Gebäudeecken vor Feierabend. Der kleine Fachwerkschuppen droht beim bloßen Anschauen in sich zusammenzufallen. Unser Mann am Reflektor steht da wie ein Denkmal, und unter Zuhilfenahme aller verfügbaren Gliedmaßen halte ich einen wahren Dschungel aus dem Zielstrahl. Da kommt der erlösende Ruf vom Gerät: "Akku is' alle!"...

Helstorf in der Wedemark. [Anmerkung!] Lange nicht mehr Hannover und noch nicht ganz Heide. Die Leine hat um diesen Ort einen Bogen gemacht, und auch diverse Grundgedanken der zivilisierten Welt sind daran vorbeigegangen. (So etwa die nette Idee eines Supermarktes) Vor kurzem noch verschaffte eine Brandserie Helstorf ein wenig Publicity, doch Anfang Juli 1996 ist hier noch weniger los als in der Dusche der Kelly Family. Dies ist der Ort, an den man 45 hochmotivierte Geodäsiestudenten schickt, um jeden noch so unwichtigen Winkel auszugraben und dem Kataster einzuverleiben. (Logisch - wenn Vermessung hier Spaß machen würde, hätte sich ja schon vorher jemand für diesen Job gefunden!) So kommt es also, daß wir an einem kühlen Montag hier einfallen und ans Werk gehen, fachkundig organisiert und geleitet von Professor Tegeler und Uwe Willeke. Es kann demnach gar nichts schiefgehen!

Der Sportplatz hinter der Turnhalle der örtlichen Grundschule wird für die kommenden zwei Wochen unser Domizil sein, und recht bald habe ich mich daran gewöhnt, morgens um fünf bei klirrender Kälte in die verwaisten Katakomben zu wanken, um die Duschen vorzuheizen. Die sanitären Anlagen sind erfreulicherweise ziemlich sauber, und da wir uns in einer Grundschule befinden, haben wir die Wahl zwischen vier Urinalen unterschiedlicher Höhe! (Das dritte von links war optimal, fand ich.) Neben fließendem Wasser bietet der Ort aber noch mehr Überraschungen, so etwa einen richtigen Bäcker! Zwar ist die eigentliche Bäckerei kürzlich abgebrannt, aber ein Blechcontainer ist als Verkaufsraum ja auch nicht übel. 20 Brötchen kosten hier 9 Mark 30 oder 10 Mark 60 oder so.

Es geht also los: Die Bevölkerung ist bereits gewarnt worden (im Februar, logisch!) und empfängt uns mit offenen Armen. "Dieses Grundstück hier so wenig wie möglich betreten! Da gab's im Frühjahr schon Ärger." Aha. Nun gut, sonst wird ja wohl alles glattgehen. Daß die Gegend Manövergebiet ist, hatte man uns allerdings irgendwie verschwiegen - der Blick durchs Gerät ist ausgesprochen beeindruckend, wenn fünf Meter daneben die Panzers vorbeiknetern. Da fällt das Messen auf der Wiese am Ortsausgang schon ruhiger aus, vielleicht mal davon abgesehen, daß die dort herumlungernden Kühe an unserer Arbeit heftigst Interesse bekunden und offensichtlich die Flucht- für Zuckerstangen halten. Jenes Phänomen erspart uns an so manchem Abend das Abputzen derselben.

Das kann uns aber alles nicht schrecken; wenn nicht gerade der Akku versagt, der Boden sich jeder Brechstange widersetzt, ein LKW die Warnschilder wegbläst oder jemand den Dreifuß vom Stativ schraubt, geht die Arbeit ziemlich flott von der Hand. Davon will aber auch der Innendienst überzeugt sein. ("Heute passen nur vier Punkte nicht!") Eine ganz originelle Nebenerscheinung ist dabei Mr. Kandasami - ein indischer Kollege, der dieser Tage in unserem Land weilt und sich bei dieser Gelegenheit anschauen soll, wie hierzulande vermessen wird. Daß wir dafür ein nachahmenswertes Beispiel abgeben, glaube ich noch nicht so ganz, Mr. Kandasami betrachtet unsere Mühen jedenfalls mit Interesse, und wir können ihm zumindest manchmal die Kanten vom Bein sägen, die ihm ein gewisser Jemand 'drangelabert hat. Professor Tegeler betrachtet unsere Mühen hingegen mit stetem Argwohn - wie kam ich auf den jetzt?

Nach Feierabend wird noch eingekauft. Auf diese Weise lernt man das benachbarte Mandelsloh kennen, wo ein Jibimarkt steht, in dem es Spielzeug-Handys gibt. Diese Dinger finden bei der Alkoholikerfraktion des Semesters regen Absatz und werden vorzugsweise spätabends ausprobiert, während normale Menschen bereits fröstelnd im Zelt liegen und trotz übermäßigen Teekonsums wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu finden hoffen. Ohropax mitzunehmen erweist sich spätestens hier als korrekte Entscheidung! Dabei ist nicht einmal gesagt, daß sich nächtliche Aktivitäten auf derartiges beschränken - da wird Geburtstag gefeiert und Uno gespielt, manch einer trifft unerwartete Personen im eigenen Zelt an, manch anderer einen frischen Maulwurfshügel davor. Wer mit alledem nicht zu kämpfen hat, dem bleibt als Argument für die tiefen Augenringe immer noch das Wetter - in keiner Nacht wird es wärmer als 10°C...

Nach etwa anderthalb Wochen ist der Spuk dann auch schon wieder vorbei, und man wird zum abschließenden Kolloquium geladen. Meine Gruppe kommt dank anstehender Mittagspause mit gerade mal einer Dreiviertelstunde Kreuzverhör davon, aber wie wir später erfahren, zieht sich diese Tortur in anderen Fällen auch gern mal bis zur Spielfilmlänge hin. Es will mir dabei nicht recht einleuchten, was man in dieser Zeit alles fragen will: "Haben Sie auch den anfallenden Erdaushub korrekterweise auf einer Plastiktüte zwischengelagert?"; "Haben Sie etwas mit den 271 Anzeigen wegen nächtlicher Ruhestörung zu tun?"; "Warum hat sich der örtliche Spirituosenhändler gestern einen Ferrari bestellt?"; "Sie wollen doch nicht wirklich Vermesser werden???" - alles denkbar. Der Inquisitor beschließt das Unterfangen mit den Worten: "Wir sehen uns dann beim zweiten Staatsexamen." Bis dahin wird wohl noch viel Wasser die Leine hinabfließen; wollen wir hoffen, daß es keine Grenzmale mitreißt - ich setze sie da jedenfalls nicht wieder hin!!!

Lars Ostermeyer

Gegendarstellung

Helstorf liegt nicht in der Wedemark. Ich bin bereits von mehreren Helstorfern auf diesen Sachverhalt hingewiesen worden und entschuldige mich hiermit in aller Form bei den Helstorfern sowie bei den Bewohnern der Wedemark für diesen schwerwiegenden geographischen Fehltritt. Als ich den Artikel schrieb, warf ich nur einen flüchtigen Blick auf die Landkarte und entdeckte den Schriftzug "Wedemark" als am nächsten liegende Angabe.
Ich bitte um Verständnis dafür, daß ich den Artikel nicht nachträglich ändere, zumal er bereits vor mehr als fünf Jahren in der "Lotrecht" abgedruckt wurde. Zudem finde ich, daß die Einleitung "Helstorf in der Wedemark" ziemlich gut klingt.
(Jedenfalls besser als "Helstorf, nördlich von Hannover, an der Leine, irgendwo bei Neustadt...")
;-)
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