Ein jeder schätzt die Institution des alljährlichen Projektseminars als willkommene Gelegenheit, in einem kleinen, eingeschworenen Team ein ambitioniertes Projekt zu seiner Vollendung zu führen. Um in Zukunft das Gelingen dieser Projekte weiter zu optimieren, hat sich ein kleiner aber effektiver Arbeitskreis Gedanken gemacht, wie man sich die Erfahrungen aus vergangenen Projekten zu nutze machen kann. Hier sind die Ergebnisse dieser Untersuchungen:
(2) Suchen Sie sich ein Thema aus, das sowieso schon immer mal in Ihrem Institut bearbeitet werden sollte. Die Kombination mit einer bereits bestehenden Arbeit ist dabei nicht auszuschließen. Ein solches Projekt spart selbst bei wenigen Beteiligten eine Menge an Arbeitskraft und -zeit ein.
(3) Nehmen Sie doch einfach das Thema vom letzten Jahr. Die Vorteile liegen auf der Hand: Sie können die alten Akten weiterverwenden, kennen das Gelände und überlassen die Arbeit, alles zum zweitenmal aufzurollen, einfach den Teilnehmern.
(4) Noch brillanter: Lassen Sie das Thema bei der Vorstellung völlig im Dunkeln! Reden Sie so viel hochwissenschaftliches Zeug, daß hinterher keiner mehr zu fragen wagt, worum es überhaupt ging. Lassen Sie während Ihres Vortrags Schlüsselworte fallen wie etwa den Namen eines beliebten Ferienziels - eine begeisterte Schar motivierter Teilnehmer wird Ihnen gewiß sein!
(2) Erzählen Sie alles Wichtige generell hinterher. Beobachten Sie in aller Ruhe, wie die Arbeit vor sich geht, und lenken sie die Tätigkeiten der Teilnehmer zwei Wochen vor der Projektvorstellung in die Richtung, die Sie für richtig halten. So sammeln Ihre Schützlinge ausreichend Erfahrung mit der Erkenntnis, daß man eigentlich immer für den Papierkorb arbeitet. Das wird sie im späteren Berufsleben sicher weiterbringen.
(3) Halten Sie wichtige Software zurück! Nichts ist schlimmer als ein Betreuer, der sofort alles rausrückt, was zur Steigerung der Effizienz beitragen könnte. Warten Sie am besten, bis Ihre Teilnehmer alle Programme selbst geschrieben haben, und verraten Sie dann, daß es das alles schon gibt. So können die jungen Programmierer ihre Werke schön mit vorhandenen Schöpfungen vergleichen. Die verlorene Zeit gleichen Sie am besten aus, indem Sie kurz vor Ende des Semesters gehörig drängeln. Ihre Leute sind jung und ohne Ende belastbar - die schaffen das! Ach ja: Handbücher sind etwas für Warmduscher - Ihre Leute brauchen sowas nicht!
(4) Lassen Sie die Teilnehmer an Samstagen und Sonntagen arbeiten - ruhig auch mal den ganzen Tag lang. Ein gut motivierter Mitarbeiter braucht keine Freizeit, SIE sind seine Familie!
(5) Nutzen Sie vor Ort jede Sekunde! Reisen Sie bereits am Sonntag an und arbeiten Sie jeden Tag von acht bis einundzwanzig Uhr mit einer halben Stunde Pause zum Umziehen. Ihre Mitarbeiter benötigen keine Zeit zur Selbstversorgung oder etwa zum Essen. Merke: Nur ein hungriger Mitarbeiter ist ein guter Mitarbeiter!
(1) Fahren Sie mit den Teilnehmern zum Einsatzgebiet, überlassen Sie es ihnen, sich um eine Unterkunft zu kümmern und steuern sie aus Ihren Mitteln bei, was Sie können. Das macht zwar keinen Spaß, ist aber gerecht, was sich positiv aufs Arbeitsklima auswirkt.
(2) Noch besser fürs Arbeitsklima: Fahren Sie mit den Teilnehmern zum Einsatzgebiet und lassen Sie sie in einer feudalen Unterkunft residieren. Sie müssen ja niemandem erklären, wo das ganze Geld herkam, insbesondere nicht den Teilnehmern von (1). Als kleinen Ausgleich empfehlen wir eine Unterkunft, die fernab jeden Ladens liegt und in der man bei jeder Mahlzeit Unsummen loswird - das gleicht das Gerechtigkeitsgefälle in etwa wieder aus.
(3) Unsere besondere Empfehlung: Fahren Sie überhaupt nicht weg. Lassen sie Ihre Teilnehmer tagelang durchs Land fahren und kassieren Sie dafür horrende Summen als Kilometergeld, das Sie still und heimlich einstreichen. Merkt kein Mensch! Außer uns... ;-)
(2) Der Abschlußbericht. Es ist eigentlich völlig egal, was Ihre Leute da schreiben - zerreißen Sie es in der Luft! Erwarten Sie eine Ausarbeitung in hochtrabendstem Akademikerdeutsch - niemand darf auch nur im Ansatz verstehen, was Sie da ein Jahr lang getrieben haben!
(3) Die Vorstellung des Projekts vor dem versammelten Fachbereich. Merke: Entscheidend ist nicht das Was, sondern das Wie! Eine ausgefeilte multimediale Show mit feschen Referenten läßt auch das dürftigste Projekt glänzen! Außerdem sollten Sie die Gelegenheit nutzen, sich selbst mal wieder ein wenig ins Rampenlicht zu rücken. Geben Sie irgendetwas Sinnvolles von sich, stellen Sie geistreiche Fragen, fangen Sie Diskussionen mit Kollegen an, irgendetwas in dieser Richtung. Die Hauptsache ist, man sieht und hört etwas von Ihnen. Merke: Wer nichts sagt, hat nichts zu sagen!
Wir hoffen, wir haben Ihnen damit genügend Tips an die Hand gegeben, auf daß Ihr nächstes Projektseminar ein voller Erfolg wird. All diese Dinge sind in einem der vergangenen Jahre genau so durchgeführt worden. Wir sind uns sicher, daß Sie damit auch in Zukunft Glück haben werden, übernehmen allerdings keine Verantwortung für die zahlreichen Beschwerden, die Ihre Teilnehmer deswegen haben werden. Aber wir wissen: Sie schaffen das schon!
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